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„Ich empfand den Auftritt des Aphasikerchores Berlin als sehr inspirierend, zeitgemäß und einfach toll. Ein wunderbares Erlebnis,
so gelebte Teilhabe und Inklusion zu sehen.
Größten Respekt.“
Conrad Seidel (Logopäde)

Aphasiker Chor Berlin (ACB)

Gegründet am 13.09.2011 von dem Aphasie Landesverband Berlin e.V. (ALB)
und der
Charité - Gesundheitsakademie, Ausbildungsbereich Logopädie

Mit Gesang kann man alle seine Krankheiten verscheuchen.
Zitat Miguel de Cervantes-Saavedra (spanischer Schriftsteller und Dichter,
1574 - 1616)

Chorproben für das Jahr 2017
Ort: Oudenarder Straße 16, Haus A, 1.Stock, 13347 Berlin

Uhrzeit: 15:30 - 16:45 Uhr



Alle zwei Wochen trifft sich der Aphasiker-Chor Berlin. In diesem haben sich Menschen zusammengefunden, die ihre Sprache verloren haben – aber nicht ihren Gesang

Singen löst die Zunge

Von Daniel Schalz

Chöre unterschiedlichster Couleur gibt es wie Sand am Meer, erst recht in einer Großstadt. Doch immer wieder entdeckt man unter diesen welche, die einen überraschen und ganz besonders anrühren – wie der Aphasiker-Chor Berlin.

Aphasiker sind Menschen, die ihre Sprache verloren haben oder erhebliche Schwierigkeiten mit dem Sprechen, Verstehen, Schreiben und/oder Lesen haben. Ausgelöst wird Aphasie durch Schlaganfälle, Schädel-Hirn-Traumata, Gehirnblutungen oder auch schweren Entzündungen, allein in Deutschland leiden 30.000 bis 40.000 Menschen nach einem Schlaganfall an schweren Sprachstörungen.

Dass diese Menschen noch miteinander singen können, was man kaum für möglich halten würde, lässt sich an jedem zweiten Dienstag in einem Gebäude der Charité im Berliner Wedding erleben: Hier trifft sich der Chor mit Wolfgang Böhmer, der die Gruppe seit August leitet. Dem Musiker und Komponisten ist es wichtig, seinen Sängerinnen und Sängern wie in jedem anderen Chor auch zu begegnen und sie nicht als Patienten zu sehen – dementsprechend fördert, aber fordert er sie auch. Und es ist dann tatsächlich erstaunlich, wie leicht ihnen die Texte von „Die Gedanken sind frei“, „Wenn alle Brünnlein fließen“, „Rote Lippen soll man küssen“ oder auch die Melodie von „Amazing Grace“ über die Lippen kommen – und wieviel Spaß es allen augenscheinlich macht.

„Die Idee zu dem Chor kam mir vor vier Jahren“, erzählt Mona Samuel, Lehrlogopädin der Gesundheitsakademie der Charité. „In meiner monatlichen Selbsthilfegruppe für Aphasiker hatten wir immer mal wieder zusammen gesungen, aber nur ein oder zwei Lieder, was allen viel Spaß gemacht hat. Die Initialzündung kam dann, als eine Patientin unbedingt mehr singen wollte, aber in ganz Berlin kein passendes Angebot gefunden hat.“ Hinter dem Aphasiker-Chor stehe kein therapeutisches Konzept, sagt Samuel: „Wir sind definitiv kein Therapiechor. Wir singen zusammen – und das macht Spaß. Es geht vor allem darum, den Patienten ein Stück Lebensfreude zurückzugeben und Ihnen aufzuzeigen, welche Ressourcen sie noch haben und diese auch zu nutzen, mit dem Schlaganfall und den Symptomen am Leben aktiv wieder teilzuhaben  – denn Aphasie ist manchmal auch mit Depressionen mit Rückzug aus dem sozialen Leben verbunden.“

Eine Möglichkeit, auf die offenbar viele Aphasiker gewartet haben: Hatte der Chor ursprünglich mit rund zehn Mitgliedern begonnen, sind es mittlerweile über 30, die aus ganz Berlin – auch aus weit entfernten Stadtteilen – einen beschwerlichen Anreiseweg auf sich nehmen.  Auch der Aphasie Landesverband Berlin steht hinter dem Projekt und beteiligt sich am Honorar für den Chorleiter, hat ein Klavier angeschafft und hilft bei der Öffentlichkeitsarbeit.

Wie aber kann es sein, dass Menschen, die sich so schwer mit dem Sprechen tun, so wenige Probleme mit den Liedtexten haben? „Man nimmt an, dass Texte von Liedern als Sprachautomatismen und Gesamtbausteine an einer anderen Stelle im Gehirn gespeichert sind als die Sprache der normalen zwischenmenschlichen Kommunikation“, erklärt Barbara Ries, Leitende Lehrpädagogin der Gesundheitsakademie der Charité. „Lieder, die bekannt sind, und im Wissen und Sprachsystem der Betroffenen gespeichert sind, können in diesem Moment – wahrscheinlich auch hervorgerufen durch die Melodie – abgerufen werden. Und dann ist fließendes Sprechen des Textes möglich.“  Und Dr. Monika Jungblut, die die musiktherapeutische Behandlungsmethode Sipari für Aphasiker entwickelt hat, sagt: „Aphasiker singen gerne, weil sie die Ressource Tonhöhe und Intonation noch nutzen können.“

Wie gut ihnen der Chor tut, erzählen dessen Mitglieder auch selbst – mit den sprachlichen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Stockend und mit offenbar großer Mühe berichtet zum Beispiel der 78-jährige Karlheinz Wischnitzki, dass er als junger Mann im Kirchenchor gewesen sei und auch sonst ständig gesungen habe – zum Beispiel beim Rasieren. Nach seinem Schlaganfall vor 22 Jahren war plötzlich alles anders: Mühsam musste er sich seine Sprachfähigkeit Stück für Stück zurückerkämpfen.  „Dieser Chor hier macht mir riesigen Spaß“, sagt der ehemalige Maschinenbau-Ingenieur. Die Liedtexte kämen ihm „sehr ordentlich über die Lippen“, sagt er lächelnd. „Singen geht bedeutend besser als Sprechen!“

Noch mehr Schwierigkeiten mit dem Sprechen hat Olaf Rühle, der vor acht Jahren einen Schlaganfall hatte. Immer wieder springt ihm seine Frau zur Seite, weil ihm die Worte fehlen: Die Chorproben seien immer ein sehr freudiger Anlass für ihn, schon im Auto auf dem langen Weg aus Rudow im Berliner Süden singe man sich zusammen ein. Ihm würde es nichts ausmachen, wenn die Proben noch länger dauerten – und wenn der Chor öfter öffentlich aufträte.

Überhaupt: die Konzerte! Die Erinnerung an diese lässt bei allen Mitgliedern die Augen glänzen. So gab es etwa beim 50-jährigen Jubiläum des Bundesverbandes für Logopädie im Jahr 2014 Standing Ovations – selbst die versammelten Fachleute staunten, was da musikalisch auf die Beine gestellt worden war.

An dieses Konzert erinnert sich auch Karin Jürschik besonders gerne zurück. Vor 15 Jahren schlug sie mit dem Kopf auf eine Glasplatte und erlitt eine schwere Aphasie – sie konnte weder sprechen noch lesen noch schreiben. Jetzt lässt sie beim Sprechen immer wieder Satzteile aus, manchmal sucht sie nach Worten, aber man versteht, was sie sagen will: Ohne den Chor würde ihr etwas fehlen, das gemeinsame Singen sei ausgesprochen lustig. Das Singen sei eine „gute Medizin für schlechte Laune“, sagt sie. Dabei schätzt sie die zweiwöchentliche Chorprobe nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen des Zusammenhaltes und des Austausches mit den anderen.

Schließlich kommen hier Menschen zusammen, die wie niemand anderes nachvollziehen können, wie es ihren Mitsängern geht. „Einmal begann jemand zu weinen, weil er ein Lied nicht hinbekam oder durch eine Erinnerung berührt wurde“, erzählt Mona Samuel. „Da ging einer der anderen quer durch den Raum, setzte sich neben ihn, ergriff seine Hand und sagte nur leise: ‚Scheiße, wa?‘ Und der Angesprochene antwortete: ‚Ja, scheiße‘. Dann sangen beide weiter. In solchen Momenten weiß ich, dass sich der ganze Aufwand lohnt.“

Mehr erfahren

Infos zum Aphasiker Chor Berlin
bei  Mona Samuel, Tel. (030) 450 555 114, mona.samuel@charite.de 

oder 

André Laqua, Mobil 0160 96 46 46 62, laqua@aphasiker-berlin.de


 
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